Alte Kirschsorten

Kirschen im Alten Land

Über 50 historische Kirschsorten gibt es im Alten Land. Als „lebendiges Kulturgut“ und als Genpool für künftige Züchtungen sind sie unverzichtbar.

Das Alte Land ist das das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas und das nördlichste Kirschanbaugebiet Deutschlands. Kirschsorten gibt es hier viele. Einige davon sind über 200 Jahre alt.

Kirschanbau im Alten Land

Seit dem Mittelalter wird die Kirsche an der Elbe angebaut. Von 1581 bis 1611 tobte sogar ein „Kirschenkrieg“ zwischen der Stadt Hamburg und dem Erzstift Bremen: Hamburger Bier durfte nicht mehr ins Land gebracht werden. Daraufhin erließ der Hamburger Rat ein Einfuhrverbot für Altländer Kirschen und Obst. Der intensive Anbau begann um 1850. Die meisten alten Sorten sind vermutlich im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden.

Bestimmte Kirschsorten sind überwiegend oder sogar ausschließlich im Alten Land zu finden. Das liegt an den Besonderheiten der hiesigen Standortverhältnisse. Das kühlfeuchte Klima und die schweren Marschböden haben über die Jahrhunderte einzigartige, an Boden und Klima angepasste Kirschsorten hervorgebracht.

Viele Sorten wurden nach den Hofbesitzern, dem Altländer Kirschenadel, benannt, wie etwa die noch häufiger vorkommende „Zum Feldes Frühe Schwarze“ oder „Minners Bunte“. Andere Lokalsorten wurden nach Orten benannt, wie zum Beispiel die „Jorker Späte“.

Historische Kirschsorten im Alten Land

Das Obstbauzentrum Esteburg hat im Jahr 2015 und 2016 alte Kirschsorten erfasst. 550 Bäume wurden auf den Obsthöfen untersucht und 57 alte Sorten nachgewiesen – von der "Roten Maikirsche" über die "Kleine Blanke" und die "Spitze" bis zu "Popes Wilde". Davon waren mindestens 20 „Erstfunde“ in Deutschland. Sie tragen Namen wie „Müggenbeine“ oder „Onkel Jakob Seine“. Einige der Sorten sind über 200 Jahre alt.

Einst hatte es etwa 700 bis 800 Süßkirschensorten in Deutschland gegeben. Allein im Alten Land sind es 90 gewesen. Rund 400 stehen heute auf Streuobstwiesen. Das Problem: Diese sind keine „Arche Noah“, auch hier droht mittlerweile ein Verlust von Biodiversität (biologische Vielfalt). Sollte sich der Trend, verstärkt durch Rodungen und Nachpflanzungen, fortsetzen, könnten im Jahr 2030 nur noch fünf alte Süßkirschensorten auf den Streuobstwiesen stehen. Schon heute sind 70 Prozent der historischen Altländer Kirschsorten vom Aussterben bedroht, 90 Prozent gefährdet.

Die Zukunft alter Kirschsorten

Die historischen Kirschsorten im Alten Land gelten als „lebendiges Kulturgut“. Darüber hinaus sind sie als Genpool für künftige Züchtungen unverzichtbar Es gilt, den Kirschenschatz zu bewahren. Experten setzen in erster Linie auf Sortensicherung durch Nachpflanzung. Gegenwärtig laufen die Veredlung und Baumanzucht in sogenannten Quarantäne-Quartieren. Im Sommer 2017 begann die Virus-Testung auf den Little Cherry-Virus. Gesunde Bäume werden in Sicherungsgärten gepflanzt. Mit Blick auf die Kirschessigfliegen-Bedrohung können alte Kirschsorten (ohne Pflanzenschutz und Pflege) nicht einfach in die Nähe von Erwerbsobstanlagen gesetzt werden. Anbauflächen sind rar. Es besteht die Hoffnung, dass Baumschulen die Regionalsorten ins Sortiment aufnehmen, z.B. für Hausgärten oder Streuobstwiesen. Obsthöfe könnten ältere Sorten in der Direktvermarktung anbieten, frisch gepflückt, als Fruchtaufstrich, Saft, Trockenobst oder Bier veredelt. Hier laute die Devise: Erhaltung durch Aufessen oder einfach Kirschen kaufen.

Im Erwerbsobstbau und im Lebensmitteleinzelhandel gibt es für die in der Regel kleinfruchtigen alten Süßkirschen keinen Markt. Verbraucher bevorzugen große, süße Sorten wie Regina (1957 gezüchtet, ab 1981 im Handel) und Co.

Mittel- und langfristig könnten ausgewählte alte Sorten jedoch für Direktvermarkter interessant werden – wie die „Spitze“. „Zum Feldes frühe Schwarze“ oder „Von Bremens Saure“ sind vielen Älteren noch ein Begriff. Letztere eignet sich wie die „Bittere Blanke“ super für Marmelade, während die „Bittere Blanke“ auch in die Kirschsuppe oder die „Spitze“ in den Pfannkuchen gehört.

Des Weiteren wird gehofft, dass sich Geldgeber für eine Broschüre über die alten Sorten finden – auch, um das Wissen für die kommenden Generationen zu bewahren.

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